Hintergrund

Neue Kunstplattform in Sachsenhausen
Seit Mai 2017 betreiben der Frankfurter Künstler Daniel Hartlaub und der Frankfurter Kulturmanager und Kurator Florian Koch diese Kunst-Plattform im öffentlichen Raum. Die Idee, eine klassische, 3,60 Meter hohe Litfaßsäule zu einer KunstSäule umzuwidmen, auf der Künstler von Rang abwechselnd dreimal im Jahr eine attraktive, das breite Publikum ansprechende Position vorstellen, haben sie gemeinsam entwickelt: Nachdem auf der Luminale 2016 eine Präsentation einer Arbeit von Daniel Hartlaub auf einer Litfaßsäule vor dem Museum für Kommunikation vielfältiges positives Echo gebracht hat, haben sie beschlossen, mithilfe von Partnern eine KunstSäule dauerhaft in Frankfurt zu etablieren. Ihnen schwebte eine Ausstellungsfläche jenseits der klassischen Museums- und Galerieformate vor, an einem Ort, an dem unterschiedlichste Besuchergruppen einen unbefangenen, unbeaufsichtigten und immer wieder anderen Blick auf Gegenwartskunst haben können. So wurde der Standort „Brückenstraßenspielplatz“ im Herzen des Frankfurt-Sachsenhäuser Brückenviertels mit Bedacht ausgewählt und die Säule mit bewilligten Anträgen bei Grünflächenamt, Ortsbeirat 5, Kulturamt Frankfurt und der Firma Ströer in einjähriger Vorbereitungsphase in die Tat umgesetzt. Die besondere Attraktivität des Standortes an der Kreuzung Brückenstraße / Gutzkowstraße liegt in der reizvollen gemischten Nutzung des Platzes. Es handelt sich einerseits um einen kleinen Park mit dem Namen „Am Alten Friedhof“, der Spaziergänger anzieht und zum Verweilen einlädt. Andererseits ist die Brückenstraße in jenem Abschnitt verkehrsberuhigt, und es gibt auf dem Gelände für kleinere und größere Kinder zwei unterschiedliche Spielplätze; in unmittelbarer Nähe der Säule befindet sich zudem ein Basketballkorb. Die Achse Südbahnhof – Innenstadt führt direkt an der KunstSäule vorbei; und die „Kreativmeile Brückenstraße“ mit kleinen, inhabergeführten Geschäften aus den Bereichen Kunst, Mode und Design zeitigen ein Publikum, das in höchstem Maße empfänglich ist für die Wechselausstellungen auf der KunstSäule. Vor der Säule kommen etwa Verlagsmitarbeiter, Grafiker und Architekt mit einem flanierenden Rentnerpärchen, einem Elternteil mit Schulkind (auf dem Weg zur ebenfalls nahebei befindlichen Hausaufgabenbetreuung) oder ballspielenden Teenagern ins Gespräch über die präsentierte Kunst – so haben wir das mehrfach erlebt.

Die Künstler werden von Daniel Hartlaub und Florian Koch so ausgewählt, dass die Künstlerposition etwas mit dem Ort selbst oder der Säule zu tun hat, damit eine Verknüpfung mit dem Standort stattfindet und größeres Interesse generiert wird. Im Gegensatz zur mitunter stark erklärungsbedürftigen Gegenwartskunst, die in einem abgeschlossenen Raum oftmals nur Insider anspricht, zeigen wir seriöse Gegenwartskünstler, mit deren Arbeit auch ein breites Publikum etwas anfangen kann, weil das aufgegriffene Thema interessant ist, weil Orte und Gebäude aus dem Viertel wiedererkannt werden können oder weil es einen besonderen ästhetischen Reiz gibt, der auf unterschiedlichem Niveau rezipiert werden kann.

 

Stachel im Fleisch des Mammons
Angeregt hat uns zur KunstSäule die attraktive Möglichkeit, auf einer klassischen Werbefläche etwas zu zeigen, was man dort nicht erwartet, nämlich gedankenreiche Kunst statt konsumfördernde Werbung. Unser Stachel im Fleisch des Mammons wurde von der F.A.Z. begeistert aufgenommen, die zur Eröffnung der KunstSäule schrieb: „Endlich neue Impulse im Öffentlichen Raum!“ (13.5.17). Unser Ziel ist es, motiviert durch die Ausstellungen mit unterschiedlichsten Menschen über Kunst und Leben ins Gespräch zu kommen, weshalb wir uns häufig selbst rund um die Säule aufhalten. Besonders ist an diesem zunächst auf drei Jahre geplanten, aber sicherlich fortsetzbaren Kunstprojekt sein partizipatorischer Charakter, dass nämlich Akteure und Menschen verschiedener Kulturen und Lebenswelten im öffentlichen Raum zusammenkommen, sich austauschen und dabei Erkenntnisse gewinnen. Die Atmosphäre am Brückenstraßenspielplatz ist an sich schon reizvoll, durch die KunstSäule jedoch ist sie einmalig und in ihrer tagtäglichen Unterschiedlichkeit noch anregender geworden. Die Verortung empfinden wir als besonders stimmig: Die Notizbuchhersteller Brandbook / Nuuna, die sich direkt gegenüber in der Gutzkowstraße 25 befinden, stellten schon Bücher für die Erkundungsgänge von Katja von Puttkamer zur Verfügung, der Wirt des Schiffer Cafés empfiehlt seinen Gästen den Besuch der Säule, und die Galeristen der benachbarten Off-Galerien Ausstellungshalle 1a und Galerie Perpetuel schicken die Besucher immer wieder auch bei der Säule vorbei: Man kann sagen, dass die Säule vom ersten Tage an angenommen wurde und die Kommunikation und das Miteinander beförderte. Gelebte Vielfalt durch die Vielfalt der Kunst – für die Frankfurter KunstSäule trifft dies in herausragender Weise zu.

 

 Welche Künstler bespielen die Säule?
Daniel Hartlaub selbst hat in seiner Säulen-Ausstellung „360 Grad“ etliche Gebäude aus der Nachbarschaft in eine Zukunftsvision getaucht und den geglückten Versuch unternommen, in Schwarzweiß-Ästhetik ein Szenario für das Brückenviertel zu entwickeln, das äußerst präzise war, aber auch witzige Aspekte hatte und jedermann zum langen Betrachten veranlasste. Der zweite Künstler, den wir im Sommer 2017 gezeigt haben, der HfG-Absolvent Nicolaj Dudek, nahm sich als Sujet die Werbung selbst vor. Während die allgemeine Sehgewohnheit bei einer Litfaßsäule perfekte Körper und glanzvolle Produkte erwartet, hat Dudek mit Rosenöl aus Anzeigen die werbliche Botschaft herausradiert und daraus radikal anregende Zeichnungen entwickelt, so dass sich über seine Konsumkritik vor Ort wunderbar diskutieren ließ. Katja von Puttkamer, die dritte Position im Jahr 2017, hat in ihrem Skizzenbuch etliche Nachkriegsgebäude aus Sachsenhausen festgehalten und ihre reizvollen Gouachen auf der Säule versammelt, so dass die direkte Verortung wiederum viel Kommunikation hervorgebracht hat. 

Im Jahr 2018 stehen eine Lichtkünstlerin und zwei Fotografie-Positionen auf dem Programm. Diana Ninov hat zur Luminale 2018 von Mitte März bis Ende Mai eine Arbeit präsentiert, die Interaktion zulässt und die Umgebung widerspiegelt. Ninov hat die Oberfläche der Säule mit unterschiedlichem reflektierendem Material ausgestattet und so zu wechselnden Tages-, Nacht- und Verkehrszeiten, besonders zur Dämmerung, immer wieder neue Leuchteffekte hervorgerufen. Ein breites Spektrum an Lichtmitteln wurde eingesetzt: Luminescent, Fluorescent, Photoluminescent, Translucent. 

Im Sommer 2018 ist die englische Künstlerin Julia Andrews-Clifford zu Gast: Die Fotomontage-Künstlerin zeigt atemberaubende Collagen, in denen Alltägliches verwirrend und anregend vereint wird: Inspiriert durch Film und Feminismus zeigt sie in ihren analog und digital entstehenden Everyday Icons den Zusammenprall klassischer Hausarbeit mit deren öffentlicher Wahrnehmung. Es gibt einen direkten Bezug zur Werbewelt: Mithilfe von Ausgerissenem und Ausgeschnittenem erfindet sie reizvolle surrealistische Portraits und Landschaften. So schafft sie es, die Spannungen zwischen Privatem und Politischem zu erkunden und freizulegen.

Frank Kunert wird die KunstSäule ab September 2018 mit einer hintergründigen, großformatigen Fotoarbeit bespielen. Unter der Brücke, wie die Arbeit betitelt ist, bringt inmitten der Brückenstraße das Immobilienproblem auf den Punkt, das begehrte Städte wie Frankfurt vor sich herschieben, statt es zu lösen: Es gelingt der Politik nicht, bezahlbare Wohnungen bereit zu stellen, die Kluft zwischen Durchschnittseinkommen und Durchschnittsmiete wird immer größer. Entsprechend zeigt sich der aus Frankfurt stammende Fotograf erfindungsreich und humorvoll bei der Konstruktion seiner Bildwelten, etwa, indem er Wohnungen in Brückenpfeilern einrichtet. Erstmals wird die Säule mit nur einem großformatigen Bild bespielt werden.

 

Frankfurter Kunstsäule – ein Kunstprojekt von Florian Koch und Daniel Hartlaub.
Gefördert vom Kulturamt Frankfurt und vom Ortsbeirat 5.
Vielen Dank an die Firma Ströer für die Säule und an das Grünflächenamt Frankfurt.